Leben im Land des Lächelns

Anna Lambertus aus dem Abiturjahrgang 2016 verbringt momentan ein Jahr in Thailand und schildert uns hier ihre ersten Eindrücke:

„3,5 Monate meines IJFD (Internationaler Jugendfreiwilligendienst) in Thailand sind um. Glauben kann ich das nicht wirklich, die Zeit verfliegt nur so. Obwohl ich mich sehr gut eingelebt habe und mich hier wirklich zuhause fühle, habe ich immer noch das Gefühl gerade erst angekommen zu sein. An meine erste Woche kann ich mich erinnern als wäre es gestern gewesen, alles war neu und aufregend und die ganzen neuen Eindrücke musste ich erstmal ordnen und verarbeiten.

Doch schon unsere Orientierungswoche startete vielversprechend. Zu Beginn konnten wir dank eines Kochkurses das unglaublich leckere Thailändische Essen kosten und realisierten schnell, dass wir von nun an die Worte „less spicy“ öfter nutzen würden. Weiter ging es mit Elefanten füttern, waschen und baden, durch den Dschungel wandern und Bäume pflanzen.

Elefantenfütterung

Elefantenfütterung

Von Beginn an wurden wir gut an die Hand genommen und in die Thailändische Kultur und Verhaltensregeln eingeführt. So lernten wir die verschieden Formen des Wai, der Art Hallo zu sagen in Thailand, und noch viele andere Regeln die zu beachten sind, wenn man mit Thailändern arbeitet. P’Wad und Shellie, P’Pepo, wie auch die anderen Freiwilligen pflegen eine Willkommenskultur wie ich sie selten erleben durfte. Und so war ich mir schon nach der ersten Woche sicher, dass ich hier eine erlebnisreiche und tolle Zeit verbringen werde.
Nun nach fast 4 Monaten habe ich wirklich das Gefühl angekommen zu sein und hier zu leben. Ich weiß wo man günstig das beste Pad Thai der Stadt bekommt und kann die unzähligen Märkte immer mehr auseinanderhalten. Ich kann also sagen, dass ich im Alltag angekommen bin.

Besuch auf einem der belebten thailändischen Märkte

Besuch auf einem der belebten thailändischen Märkte

Mein Wecker klingelt um 8:45, was ich als eine sehr humane Zeit empfinde. Um 9:30 geht es dann zur Arbeit, nach einer halben Stunde im Van komme ich an den meisten Tagen direkt im Office an. Einen normalen Tagesablauf bei meiner Arbeit zu beschreiben ist nahezu unmöglich, da diese sehr vielfältig ist und sich der Ablauf meiner Arbeit von Tag zu Tag ändert.

Ich arbeite bei Art Relief International (ARI), einer kunsttherapeutischen Organisation, welche kostenlose Kunstworkshops für verschiede Minderheiten in Thailand anbietet. Pro Woche haben wir 5-9 Workshops, die Dauer der Workshops variiert von 50 Minuten bis zu 2 Stunden. Besondere Workshops dauern auch mal einen Tag. Alle Workshops finden zusammen mit sehr verschiedenen Partnerorganisation von ARI statt, so arbeite ich mit Kindern, mit Menschen mit Behinderung, mit Jungs in Jugendgefängnissen, Jungs die Opfer von Prostitution in Thailand wurden, mit Flüchtlingskindern aus Burma oder mit 2-jährigen Waisenkindern.

Kunstherapeutische Arbeit bei "Art Relief International"

Kunstherapeutische Arbeit bei „Art Relief International“

Es macht unglaublich viel Spaß mit diesen verschiedensten Gruppen kreativ zu werden und etwas Bedeutungsvolles zu erschaffen. Von den Workshops die wir in der Woche haben, leite ich ein bis drei, das heißt ich überlege mir ein Konzept, schreibe einen Ablaufplan, bereite Beispiele vor und packe alle Sachen zusammen die wir benötigen. ARI versucht Menschen eine Möglichkeit zu geben sich selbst auszudrücken und kennen zu lernen. In den Workshops wollen wir für alle eine positive Atmosphäre erschaffen um einfach mal abzuschalten und Probleme und Ungerechtigkeit zu vergessen oder auch um Wut und Trauer auszudrücken. Neben dem therapeutischen Aspekt bringen wir einigen Gruppen neue Techniken bei, um Sachen herzustellen die sie später verkaufen können. In diesem Projekt ist Kunst nicht nur malen oder zeichnen, sondern auch Tanz, Theater und Gesang.
Mit Thailändern zusammen kreativ zu werden ist nicht immer einfach, Kreativität und Gefühle sind hier nicht gerade die beliebtesten Themen, die gelehrt und thematisiert werden.
Dieser Aspekt macht meine Arbeit hier aber noch faszinierender und interessanter. Kunst ist eine grandiose Art sich komplett ohne Sprache und gleiche Kenntnisse zu verständigen und miteinander zu arbeiten.

Nahezu alle Gruppen mit denen wir zusammen arbeiten machen es einem wirklich leicht sich schnell willkommen zu fühlen und so wurde ich schon in meiner ersten Arbeitswoche herzlichst empfangen. Jeder versucht mit dir zu reden und gibt sich Mühe mit dir zu konversieren, ob du nun die gleiche Sprache sprichst, oder nicht.

Nach unseren ersten beiden Thaistunden in der ersten Woche haben wir alle mehr oder weniger aufgegeben Thai zu lernen. Und meine Motivation Thai zu sprechen war schneller verflogen als gedacht. Dass man nur mit einem kleinen Betonungsfehler aus “gute Arbeit“ „schrecklich“ machen kann, gibt einem nicht gerade mehr Zuversicht. So ist mein Thai nach 3 Monaten zwar besser als zu Beginn, beschränkt sich aber immer noch auf mit Taxifahrern zu verhandeln und sich selbst vorzustellen und dem überaus wichtigen Satz: „Nein, lass das!“ (Wenn man mit Kindern zusammenarbeitet). Dank unser Projektkoordinatorin Pepo, die auch als unsere Übersetzerin agiert, laufen die Workshops aber trotz der Sprachbarriere glatt ab.

Vielfältige, kreative Arbeitseinsätze

Vielfältige, kreative Arbeitseinsätze

Mein Job hier gefällt mir wirklich sehr gut, ich kann mich in vielen verschieden weisen einbringen und habe meine eigenen Aufgaben und Rollen. Manchmal ist es aber auch sehr viel Arbeit und ich komme nach einem langen Arbeitstag kaputt zuhause an. Doch die meiste Zeit gibt ein Kinderlächeln während des Workshops schnell wieder neue Energie. Gerade da ich seit ein paar Wochen einen zweiten Job begonnen habe und nun auch jeden Donnerstag und Samstag im Chiang Mai Drama Center aushelfe und arbeite. Dort wird Tanz, Schauspiel und Gesang unterrichtet und ich bin wirklich sehr froh, nun noch mehr in diesen Bereichen aktiv zu werden und auch meine eigenen Fähigkeiten zu verbessern.

Da ich keine oder kaum Erfahrungen mit Kunsttherapie oder Asien hatte, weiß ich gar nicht wo ich anfangen soll, aufzuzählen, was ich alles gelernt habe. Ich denke eine Sache die ich aus Thailand mitnehme ist auf jeden Fall Höflichkeit, mehr Dankbarkeit und ein breites Lächeln.
Thailänder regen sich ganz einfach nicht auf und bevor ein Thailänder mal etwas lauter wird muss schon wirklich etwas Gravierendes passieren. Hier wird nahezu einfach alles weggelächelt und gerade das macht es so einfach sich in der Thailändischen Kultur so wohlzufühlen. Kulturell hat Thailand alles übertroffen was ich erwartet hätte, egal ob es um die Liebe zum Vaterland oder zum Buddhismus geht. Gerade nach dem bedauerlichen Tod des geliebten Königs von Thailand, spürt man wie stark nahezu alle Menschen, egal ob alt oder jung, in Thailand von der Geschichte und der Kultur des Landes geprägt sind. So ist das Land seit dem 13.10 in schwarz gehüllt und das Königsthema ein absolutes Tabu.

Die Stadt in der ich lebe ist Chiang Mai, die zweitgrößte Stadt Thailands und ist eine unglaublich schöne Stadt aber definitiv deutlich größer als ich gedacht hätte. Doch speziell durch die Altstadt, in der sich nahezu alles abspielt, ist es immer noch einfach sich zu recht zu finden. Das Klima ist auf jeden Fall etwas, an das man sich gewöhnen musste.

Atemberaubende Natur

Atemberaubende Natur

Der Umschwung vom kühlen Sommer in Deutschland zur schwülen, heißen Regenzeit in Thailand schlauchte gerade zu Beginn mehr als gedacht. Nun zum November hin kühlt es aber schon deutlich ab und mittlerweile empfinde ich 29 Grad als einen angenehmen kühlen Tag.

Ich habe auf jeden Fall, wenn schon nicht mein Thai, mein Englisch enorm verbessert. Dadurch dass in meinem Projekt alles auf Englisch abläuft und geplant wird und ich die meiste Zeit Menschen aus der ganzen Welt um mich rum habe spreche ich auch 24/7 Englisch, plane Workshops auf Englisch und schreibe Pläne und Abläufe. Durch dieses gemixte Arbeitsumfeld, lerne ich nicht nur etwas über Thailand, sondern auch über Brasilien, Australien, Irland oder Amerika.

"Familien-Dinner"

„Familien-Dinner“

Die Unterkunft in der wir Leben ist sauber, schön und man fühlt sich sehr heimisch. Momentan leben wir in unserm Volunteerhouse mit 9 Frauen und haben 2 Badezimmer zur Verfügung, doch das klappt besser als es sich nun anhört. Da die meisten Volontier nur für 1-2 Monate bleiben, herrscht ständiger Ein- und Auszug und meine Mitbewohner wechseln stetig. So lernt man immer wieder unglaubliche Menschen kennen und lieben und dann reisen sie leider meistens auch schon wieder ab. Da die meisten dieser Volontier auch mit mir zusammen arbeiten wird es auf der Arbeit wirklich nie langweilig, denn mit Menschen die kommen und gehen verändert sich auch jedes Mal meine Arbeit wieder ein bisschen. Wenn Menschen aus der ganzen Welt mit sehr unterschiedlichen kulturellen Erfahrungen im Alter von 18-37 zusammenleben und arbeiten lässt, ist natürlich nicht immer alles einfach. Doch man lernt einen auf jeden Fall flexibel zu sein sich immer wieder auf Menschen neu einzulassen.
Aber allgemein ist der Hauptgrund, warum ich mich hier so wohl fühle, die Menschen mit denen ich zusammen lebe, arbeite und auf der Straße begegne. Unsere Partnerorganisation hier in Thailand ist grandios und durch unser mittwochs stattfindendes Familiendinner hat man wirklich das Gefühl, Teil der kleinen CCT Familie zu sein. Es wird sich sehr gut um uns gekümmert und es gibt immer jemanden der ein offenes Ohr für dich hat. So habe ich hier am anderen Ende der Welt eine kleine zweite Familie und freue mich schon auf die nächsten Monate in meinem neuen Zuhause.“

 

Text und Bilder: Anna Lambertus