Menschlich handeln in unmenschlichen Zeiten

Unermüdlich reist Gunter Demnig von Ort zu Ort, um vor den ehemaligen Wohnstätten der Opfer der Nationalsozialisten Gedenksteine zu setzen. 75.000 Stolpersteine werden bis zum Ende des Jahres verlegt sein und an Menschen erinnern, denen in der Zeit der Nazi-Diktatur Unrecht widerfahren ist, die vertrieben, verfolgt oder ermordet wurden. Neben Juden, Kommunisten, Sinti und Roma, Homosexuellen und weiteren politischen oder religiös Verfolgten bilden auch Deserteure und ihre Helfer eine Opfergruppe.

Lange musste von diesen Menschen und ihren Angehörigen um Anerkennung gekämpft werden: Erst am 17. Mai 2002 beschloss der Bundestag die pauschale Aufhebung aller nationalsozialistischen Unrechtsurteile gegen Deserteure und Homosexuelle. Vielen galten bis dahin Männer, die sich unerlaubt von der Wehrmacht entfernt hatten, als Feiglinge und verachtenswerte Drückeberger – ganz im Sinne Adolf Hitlers, der ein unerbittliches Vorgehen gegen Fahnenflüchtige verlangte: „Der Soldat kann sterben, der Deserteur muß sterben.“ Dieser Aufforderung folgten die Gerichte der Nazis konsequent: Etwa 30.ooo Todesurteile wurden verhängt, knapp 23.000 vollstreckt.

Der Entschluss, von der Wehrmacht zu fliehen, erforderte also viel Mut. Ebenso mutig musste man sein, wenn man Fahnenflüchtigen half: Etwas Nahrung oder eine Auskunft konnten als „Wehrkraftzersetzung“ gewertet werden und ebenfalls mit dem Tode bestraft werden. Ein solches Schicksal verbindet die Biographien zweier Opfer, für die am Sonnabend Stolpersteine verlegt worden sind. Karl Meyen hatte sich als Minderjähriger mit der Erlaubnis seines Vaters 1939 zum Militärdienst gemeldet. Doch bald schon überkamen den jungen Mann, der zur Kriegsmarine kam, Zweifel, die nicht mehr schwanden und so entschied er sich 1941 zur Fahnenflucht. Im damals von den Deutschen besetzten Bordeaux desertierte er mit einem anderen Matrosen. Nach einigen Tagen waren ihre Ersparnisse aufgezehrt und die Verzweiflung der beiden wuchs. In dieser Situation trafen sie auf einige ostfriesische Matrosen eines Handelsschiffes, darunter auch Waldemar Roolfs.  Er half mit etwas Proviant und einem Atlas, mit dem die Flüchtigen einen Weg in den unbesetzten Teil Frankreichs finden wollten.

Vor ihrem Haus liegt nun der Stolperstein für Karl Meyen, der an dessen ehemaligen Wohnort erinnert: Cathrin Heiermeier und Henrik Siebertz mit Laura, Merit und Zorah.

Doch das misslang: Meyen und sein Kamerad wurden am 16.12.1941 entdeckt und versuchten deshalb, sich durch einen Schuss in die Schläfe das Leben zu nehmen. Während Meyen starb, überlebte sein Kamerad die schweren Verletzungen und wurde später zum Tode verurteilt.

Auch Waldemar Roolfs wurde vor Gericht gestellt: Wegen Beihilfe zur Fahnenflucht wurde er zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt. Er sah sein Handeln nicht als Verbrechen an und litt stark unter diesem Makel, weshalb er mit seinen Eltern darum bat, sich an der Front bewähren zu dürfen – und das, obwohl zwei seiner Brüder bereits im Krieg gestorben waren.

Verlegt Ende des Jahres den 75.000sten Stolperstein: Gunter Demnig mit Zorah, Merit und Laura am Stolperstein für Waldemar Roolfs.

Waldemar Roolfs überlebte, jedoch wurde er nicht rehabilitiert: Ein von seiner Frau gestellter Antrag auf Haftentschädigung wurde 1952 abgelehnt. Erst der Bundestagsbeschluss von 2002 sorgte für ihn wie für Karl Meyen für eine Rehabilitierung und damit eine Wiederherstellung ihrer Ehre und Würde.

Die Biographien dieser beiden Männer wurden am Sonnabend von Merit Klus, Laura Oldewurtel und Zorah Bousri an ihren ehemaligen Wohnorten vorgetragen. Dort erinnern jetzt zwei weitere Stolpersteine an Beispiele für die Opfer der Nazi-Diktatur.

Weitere Informationen:

Genugtuung für verurteilte Wehrmachtsdeserteure

Webseite zum Stolperstein-Projekt

Stolpersteine in Emden

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