Ein Abend mit Albrecht Weinberg – was für ein Geschenk!

Wird im März 101 Jahre alt: Albrecht Weinberg.

Albrecht Weinbergs Besuch war ein Geschenk, das sich kaum in Worte fassen lässt: Zwei Stunden lang berichtete der inzwischen Hundertjährige in Emden beeindruckend aus seinem Leben. Mit großer Klarheit sorgte Weinberg für viele nachdenklich stimmende Momente, die noch lange nachhallen werden.

Das bis auf den letzten Platz gefüllte Festspielhaus am Wall wurde zum Ort einer Geschichte, die stellvertretend für unzählige Opfer steht, die selbst nie berichten konnten. Diese Geschichte spielte nicht nur an fernen Orten, sondern auch hier in Ostfriesland – in Rhauderfehn, Leer und Emden.

Oberbürgermeister Tim Kruithoff und Kai Gembler im Gespräch mit den Moderatorinnen.

Nach einer Begrüßung durch Oberbürgermeister Tim Kruithoff und Lehrer Kai Gembler, Vorsitzender der Max-Windmüller-Gesellschaft, lasen Riemke Langer und Nia Ysker Episoden aus der Biographie Weinbergs. Die beiden Achtklässlerinnen gaben einen Einblick in dessen Kindheit, die vom liebevollen Familienleben mit seinen beiden Geschwistern Friedel und Dieter und seinen Eltern Alfred und Flora geprägt war – so tief, dass die Erinnerung daran immer noch lebendig ist – wie an viele seiner Verwandten: „Ich habe von vielen keine Bilder – und doch sehe ich sie jeden Tag vor mir.“

Riemke Langer und Nia Ysker lasen Passagen aus der Kindheit.

Im Gespräch mit den Moderatorinnen Rieke Götemann (Jg. 10) und Lea Gerdhabing (Jg.11) machte Albrecht Weinberg deutlich, dass er nach seiner Rückkehr keine Heimatgefühle mehr Deutschland habe – nach allem, was ihm und seiner Familie angetan worden war. Gleichwohl habe er einige Zeit nach seiner Rückkehr den deutschen Pass beantragt. Mit der Wiederzuerkennung der deutschen Staatsbürgerschaft – die ihm von den Nazis genommen worden war – erhielt er neben einem Gebührenbescheid für den Pass sogar Einladungen zu Integrationsveranstaltungen für „neue Deutsche“.

Lea Gerdhabing und Rieke Götemann moderierten das Gespräch mit Albrecht Weinberg, Gerda Dänekas und Nicolas Büchse.

Wie bitter diese Ironie für Weinberg gewesen sein muss, zeigte sich auch in der folgenden Lesung: Lale Trieschmann (Jg. 7) schilderte, wie der dreizehnjährige Albrecht die Schrecken der Reichspogromnacht erlebte. Diesem bis dahin schlimmsten Tag seines Lebens folgte eine jahrelange Leidenszeit, die schließlich in der Deportation nach Auschwitz mündete. Sein Bruder Dieter wurde ebenfalls verschleppt – ohne ihn hätte Albrecht das Grauen nicht überlebt, wie im letzten Teil der Biografie deutlich wurde, vorgetragen von Deike Miege (Jg. 12).

Deike Miege und Lale Trieschmann trugen Erinnerungen zur Pogromnacht und Auschwitz vor.

Nach dem Tode Dieters, der nach dem Krieg ertrunken war – „angeblich ein Unfall“, wie Weinberg sagte – blieb ihm nur noch seine Schwester Friedel, mit der er in die USA auswanderte: „Wir gaben uns das Gelübde, keine Kinder zu zeugen, damit ihnen nicht das widerfahren konnte, was wir erleben mussten.“

Gerda Dänekas, seine WG-Partnerin, die heute an seiner Seite lebt und dafür sorgt, dass es ihm gut geht, machte deutlich, dass die Shoah nach wie vor zentral für Albrecht Weinbergs Leben ist: „Jeden Tag lese ich ihm aus dieser Zeit vor – etwas anderes interessiert ihn nicht.“

Nicolas Büchse berichtete vom Weg zur Biographie Weinbergs.

Und doch wurde deutlich, dass Albrecht Weinberg trotz allem bis heute mitten im Leben steht und aufmerksam am Zeitgeschehen teilnimmt. Nicolas Büchse, der zusammen mit Weinberg dessen Biografie verfasst hat, betonte, dass Weinberg immer auf dem aktuellen Stand sei. „Ich kenne kaum einen Menschen, der so gut und umfassend informiert ist wie Albrecht.“ Trotz körperlicher Einschränkungen biete er den Menschen die Möglichkeit, mit ihm ins Gespräch zu kommen, vor allem mit Kindern und Jugendlichen. Albrechts Geschichte sei ihm ein besonderes Anliegen geworden, so Büchse. Der Titel des Buches ist also auch Verpflichtung geworden: „Damit die Erinnerung nicht verblasst wie die Nummer auf meinem Arm.“

Vielleicht die jüngsten Gäste des Abends: Neele und Giuseppina freuten sich über ein Autogramm von Albrecht Weinberg.

Mit stehenden Ovationen und langem Applaus endete ein Abend voller Wärme, Herzlichkeit – und oft hintersinnigem Humor. Auf die Frage nach seinem Blick auf die Zukunft antwortete Albrecht Weinberg: „Ich kann schlecht sehen…“

Herzlichen Dank an die Schülerinnen des Max-Windmüller-Gymnasiums, die maßgeblich zum Gelingen dieses Abends beigetragen haben. Herzlichen Dank zudem an Tobias Bruns für die Fotos. Ebenso gebühren der Max-Windmüller-Gesellschaft und vor allem der Stadt Emden Dank für die Kooperation und Unterstützung!