
Eine besondere Liebesgeschichte stand in der vergangenen Woche in Emden im Mittelpunkt: Professor Dr. Thomas Brechenmacher stellte sein Buch Cilly und Henry vor – ein Werk, das weit mehr ist als die Erzählung einer jungen Liebe. Anlässlich des Jahrestages der Ermordung Max Windmüllers (21. April) war Brechenmacher zunächst in der Neuen Kirche und anschließend am Freitag auch am Max-Windmüller-Gymnasium zu Gast.

Im Zentrum des Buches steht die Beziehung zwischen Cäcilie „Cilly“ Windmüller und Henri Nannen, dem späteren Gründer und Stifter der Kunsthalle Emden. Ihre Geschichte eröffnet nicht nur einen sehr persönlichen Blick auf die Gefühle zweier junger Menschen, sondern zeichnet zugleich eindrucksvoll die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche der NS-Zeit nach – auch und gerade in Emden. Mit gerade einmal 20 Jahren – beide wurden 1913 geboren – entwickelten die Leben von Cilly und Henri in Richtungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Während Henri versuchte, innerhalb der neuen politischen Verhältnisse seinen eigenen Weg in Studium und Karriere zu finden, reflektierte Cilly in ihren Briefen immer wieder eindringlich ihre eigene Lage, die Sorgen um ihre Familie und die zunehmende Verfolgung durch das NS-Regime, die das Leben immer mehr erschwerten und schließlich zur Flucht Cillys in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina führten.

Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung durch Freyja Hüsing und Johanna Jürgens als Flötenduo sowie Felix Kötter am Flügel, die dem Abend einen stimmungsvollen Rahmen verliehen.

Über Jahre hinweg hielten Cilly und Henry durch Briefe Kontakt. Diese Korrespondenz, von der heute nur noch Cillys Briefe erhalten sind, gewährt berührende Einblicke in Hoffnung, Sehnsucht und Unsicherheit in einer Zeit wachsender Bedrohung: Brechenmacher machte in seinem Vortrag deutlich, wie stark Cilly die Veränderungen ihrer Zeit wahrnahm und wie bewusst sie die Gefahren einschätzte. Gerade diese persönliche Perspektive macht das Buch zu einem eindrucksvollen Zeitdokument, das historische Entwicklungen auf bewegende Weise greifbar werden lässt.

Im Anschluss an die Lesung in der Neuen Kirche diskutierten die Schülerinnen Rieke Götemann und Lea Gerdhabing gemeinsam mit Kai Gembler, dem Vorsitzenden der Max-Windmüller-Gesellschaft, über die Bedeutung der vorgestellten Geschichte – vor allem für die Gegenwart. Brechenmacher betonte, dass dieses Beispiel für ihn eindrucksvoll zeige, wie schnell sich die Situation ändern könne – eine Mahnung in politisch unsicheren Zeiten wie den heutigen.

Die Fortsetzung dieses besonderen Besuches folgte am Freitag am Max-Windmüller-Gymnasium. Dort las Brechenmacher erneut aus seinem Buch. Ein besonderer Gast war dabei Christian Nannen, Sohn Henri Nannens, der den Schülerinnen und Schülern sehr persönliche Einblicke in seine eigene Sicht auf diese Familiengeschichte gab. Seine Ausführungen machten deutlich, wie emotional und gegenwärtig dieses Kapitel bis heute geblieben ist. Dass die Verbindung zwischen Cilli und Henry auch nach dem Krieg nicht vollständig abriss, verleiht ihrer Geschichte eine zusätzliche Dimension: Henri Nannen bemühte sich später, Cäcilie zur Eröffnung der Kunsthalle nach Emden einzuladen. Doch für sie blieb die Rückkehr angesichts der Ermordung ihrer Eltern durch die Nationalsozialisten zu schmerzhaft.

Im Jahr des 40-jährigen Jubiläums der Kunsthalle Emden rückt Brechenmachers Buch damit eine bewegende Beziehung in den Fokus, die beispielhaft zeigt, wie eng persönliche Lebenswege und historische Umbrüche miteinander verwoben sein können.
Eine Veranstaltung der Vortragsreihe „Vielfalt sicher begegnen“ der Max-Windmüller-Gesellschaft Emden e.V. Die Reihe ist Teil der Emder Partnerschaft für Demokratie und wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“.






