Am vergangenen Freitag wurde Albrecht Weinberg beigesetzt. Noch am 7. März, konnte der Holocaustüberlebende, der so häufig zu Gast an unserer Schule war, seinen 101. Geburtstag im Theater an der Blinke in Leer mit über 600 Gästen feiern, die anlässlich der Vorpremiere des Kinofilms über sein Leben an die Leda gekommen waren. Ein weiterer Teil eines reichen Vermächtnisses, das Albrecht uns hinterlassen hat. Neben seiner Biografie, ob als Buch oder Film, besteht dieses vor allem in der Verbindung zwischen vielen Menschen, die Albrecht zusammengeführt hat.
Auf dem jüdischen Friedhof zu Leer trafen sich einige dieser Menschen, darunter auch Vertreter des Max-Windmüller-Gymnasiums, um von einem Jahrhundertmenschen Abschied zu nehmen, wie Rabbi Levi Ufferfilge es ausdrückte, der Albrecht in den letzten Tagen seines Lebens begleitet hat.
Rabbiner Ufferfilge hat uns diese Rede freundlicherweise zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Dafür danken wir ihm herzlich.
Hesped für Albrecht Avraham Baruch ben Avraham Weinberg sel. A.
von Rabbiner Levi Israel Ufferfilge
Albrecht Weinberg sel. A. war ein Jahrhundertmensch. Es war ein jüdischer Sohn Ostfrieslands, ein Spross der tüchtigen Familien Weinberg und Grünberg. Albrecht war gütig, offen, an Menschen interessiert, charmant, schlagfertig und sehr witzig. Er hatte das idealtypische Arbeitsethos eines deutschen Juden und die längste Zeit seines Lebens führte er von früh bis spät sechs Tage in der Woche die Geschicke seiner New Yorker Metzgerei und bildete mit seiner geliebten Schwester Frieda sel. A. über die Jahrzehnte hinweg ein unzertrennliches Duo. Albrecht liebte auch seinen Bruder Dieter sel. A. –
und mit Bruder und Schwester wird er nun gemeinsam begraben – und seine Eltern Alfred und Flora sel. A., denen kein Grab vergönnt war, innig. Es verging kein Tag, an denen Albrecht nicht an sie dachte, und er ließ stets eine Seelenkerze an ihren Jahrzeiten brennen.
Albrecht war ein Überlebender der Lager. Er überlebte Auschwitz, Mittelbau-Dora, und Bergen-Belsen. Und er überlebte die Todesmärsche. Seine Schwester und sein Bruder überlebten mit ihm, doch fast alle anderen seiner Familienmitglieder waren ermordet worden. Kein Verlust wog in Albrechts Herzen so schwer wie die Ermordung seiner beiden geliebten Eltern. Nach der Shoah kehrte Albrecht mit seinen Geschwistern zunächst zurück nach Ostfriesland, doch Ostfriesland hatte schon lang aufgehört, seine Heimat zu sein. Die Menschen in den Orten seiner Kindheit hatten seine Familie und
alle anderen Jüdinnen und Juden mit Härte und Grausamkeit gequält und aus ihrer Mitte ausgestoßen. Als Albrechts Bruder Dieter 1946 unter für Albrecht und Frieda bedrohlichen Umständen ums Leben kam, verließen sie Deutschland und fanden in Amerika eine neue Heimat.
Albrecht hatte in seinen 101 Jahren drei Leben geführt: eines vor der Shoah in Ostfriesland mit seiner Familie, ein sehr langes in den USA mit seiner Schwester Friedel und ein drittes seit 2012 hier in Leer für kurze Zeit zunächst noch mit seiner Schwester und dann 14 erfüllte Jahre bis zu seinem letzten Atemzug mit Gerda treu an seiner Seite. Gerda hatte Albrecht während Corona aus der Einsamkeit gerettet, ihn zu sich geholt und sich um ihn gekümmert. Nur so konnte er noch ein so gutes drittes Leben mit all seinen Errungenschaften – Auszeichnungen, Ehrenbürgerschaften und eine Schule, ein
Preis, ein Wald und mehr, die nun seinen Namen tragen –, und mit all seinen Erfahrungen und Abenteuern genießen. Das alles hätte es ohne Gerdas Rettung und Liebe nicht gegeben. Und Albrecht bat mich darum, das heute so klar zu benennen und seinen Dank an dich, liebe Gerda, auszusprechen. Albrecht hatte schon seit seinen ersten Besuchen in Deutschland hier Freunde gefunden, aber wie er sagte: „Meine highest highs and the lowest lows kennt nur Gerda.“
Die tiefsten Tiefen waren die grausamen Erinnerungen und furchtbaren Albträume, die die Qualen in den Lagern zu Albrechts täglichen Begleitern machten. Albrechts exzellentes Gedächtnis war zwar ein Schatz für die zahllosen Schülerbegegnungen in der Ehemaligen Jüdischen Schule Leer und andernorts, für Gespräche mit Freunden, für die Wissenschaft, für Interviews, für das Buch und für den Film, doch Albrechts Gedächtnis war auch eine schwere Bürde, die er für all diejenigen trug, an die er als einziger noch erinnern konnte. Gefragt nach seinem Antrieb, immer wieder über die Entrechtung in seiner Heimat und das unermessliche Grauen der Lager zu sprechen, sagte mir Albrecht, dass die neuen Generationen von nichtjüdischen Deutschen nicht dieselben Fehler ihrer Vorfahren
wiederholen dürfen. Vor allem aber wolle er mit seinem Erzählen ein wenig Wiedergutmachung für seine Eltern, für seine Familie erwirken und ein Denkmal setzen für die eigene verlorene Familie und die vielen jüdischen Leben in Leer, Weener, Rhauderfehn, in Ostfriesland, in Deutschland, in Europa, die hätten weitergehen sollen, aber nicht mehr weitergehen durften.
Albrecht war es bewusst, dass er auch für etwas steht. Für den Mahner in politisch fragilen Zeiten, der die einen oder anderen noch wachrütteln kann wie bei der Rückgabe seines Bundesverdienstkreuzes. Für den Lehrer der jüngsten Generationen dieses Landes, damit sie aus seinem Schmerz die richtigen Lektionen lernen und anhand seiner entwaffnenden Güte und Offenheit und seines Humors mehr Verständnis für und mehr Neugierde auf ihre Mitmenschen haben. Albrecht bedeutet für viele hier Versöhnung, weil er mit seiner Schwester Frieda sel. A. nach Leer, in hohem Alter nach Deutschland zurückkehrte. Und nicht wenige waren überwältigt davon, wie freundlich Albrecht ihnen begegnete nach all dem, was ihre Eltern, Großeltern und Urgroßeltern Albrecht und seiner Familie angetan hatten.
Mich erinnerte Albrecht an andere Überlebende, von denen viele vor zehn, zwanzig, die meisten sogar schon vor dreißig Jahren verstorben waren. Albrecht kannte nicht wenige von ihnen durch die Zweige seines Stammbaums oder aber durch die Lager und fragte mich bei jedem und jeder interessiert und besorgt, wie es ihm oder ihr ergangen war und wie sie jeweils mit dem Schmerz und dem, wie Albrecht sagte, Zerbrochensein fertig geworden waren. Albrechts langes Leben verlängerte nicht nur für mich, nicht nur für unsere jüdische Gemeinde, sondern für den gesamten Nordwesten dieses Landes das
Privileg, die eigene Zeit mit unseren Überlebenden teilen zu dürfen. Albrecht wusste, dass er der letzte lebendige Blick in ein jüdisches Ostfriesland nicht aus Daten, Gedenktafeln und musealen Exponaten, sondern aus Familienmitgliedern, Freunden der Familie und Mitschülern war. Albrecht erzählte von Schabbatfeiern bei seiner Oma, gemeinsam gesungenen Feiertagsliedern, von der Bar-Mitzvah-Vorbereitung durch seinen Lehrer, die so prägend war, dass er noch auf dem Sterbebett die vor knapp 90 Jahren gelernten Gebete und Brachot, Segenssprüche, fehlerfrei rezitieren konnte; Albrecht erzählte von Kinderstreichen mit Freunden und der unauflöslichen Bande zu seinen Geschwistern. Davon erzählte er aber nicht, damit Menschen heute etwas daraus für sich selbst mitnehmen, sondern weil alle Jüdinnen und Juden aus Albrechts Vergangenheit es per se verdient haben, dass ihre Geschichten erzählt werden, sie in Albrechts Erzählungen wenigstens einen Moment lang wieder aufleben durften, als wären sie nur einen Ort und einen Schabbat entfernt. Weil sie echte Menschen waren. Weil sie Onkel Willy und Mama und Papa waren.
Albrecht hat sich um seine Familie, auch den Nachfahren seiner Tante Marie, Familie Kohen, und um sein Volk gekümmert. Er hat durch zahllose Begegnungen, Lesungen, Interviews das Andenken an die vielen, die nicht überlebt haben, geehrt. Albrecht hat den Namen seiner Familie groß gemacht. Er hat das Erinnern an die Ermordeten und die Überlebenden der Shoah gestärkt. Albrecht hat nach guter jüdischer Tradition Bäume als lebendige Denkmäler für die Ewigkeit an vielen Orten dieses Landes und in Israel gepflanzt. Und er hat mit Gerda jahrelang für ein Denkmal auf dem Synagogenplatz in
Leer gekämpft und den Erfolg, den Platz zu erhalten, noch selbst erleben dürfen. So unermüdlich wie Albrecht aus seinem Leben und seinem Leiden erzählt hat, hat er unzählige Male in KZ-Gedenkstätten, auf Friedhöfen, an Gedenktagen und zu Jahrzeiten seine Stimme und seinen Atem den Ermordeten geliehen und auswendig Kaddisch für sie gesagt. Albrecht hatte mich in den letzten Wochen mehrfach gebeten, ihm die deutsche Übersetzung davon vorzulesen. Im berühmten Totengebet des Judentums kommen keine Toten und außer bei der Beerdigung kein Tod vor. G’tt wird im Kaddisch auf viele Weisen gelobt und heiligt. Das machen wir anstelle der Toten, die es nicht mehr können. Es ist ein besonderer Liebesdienst bei uns, das für einen Toten zu tun. Albrecht hatte das tief verinnerlicht und Sorge getragen, diese große Mitzvah unzählige Male für andere zu erfüllen. So wie wir sie künftig für Albrecht erfüllen.
Albrecht hat sich auch um seine Brüder und Schwestern in Israel gesorgt und wohltätig bemüht und wie oft hat er sich bei mir nach den Kindern unserer Gemeinde besorgt erkundigt und ob sie es als jüdische Kinder denn hier noch guthaben. Und weil Albrechts Gedächtnis so fabelhaft war und er so eine ausgeprägte, ehrliche und gütige Neugierde anderen Menschen gegenüber hatte und sie ganz aufrichtig kennenlernen wollte, fragte Albrecht mich nicht nur allgemein nach den Kindern, sondern ganz konkret wieder und wieder nach dem Jungen aus unserer Gemeinde in Rastede, der so gern Briefmarken sammelt, oder den Hebräisch sprechenden Kindern auf Spiekeroog mit ihren Hühnern im Garten.
Und Albrecht hatte eine große Neugierde, die neuen Generationen nichtjüdischer Deutscher in diesem Land kennenzulernen. Er hat viele, viele Freunde hier in Leer, in den umliegenden Orten, an vielen Orten in dieser Republik und auf der Welt gefunden. Und die Menschen gerade hier in Ostfriesland haben ihn tief in ihr Herz geschlossen. Wegen seiner Güte, seiner Offenheit, seines Charmes, seiner Schlagfertigkeit und seines Witzes. Und Albrecht wiederum hat keinen Menschen von heute so tief in sein Herz geschlossen wie Gerda. Er dachte nach dem Tod seiner geliebten Schwester Friedel, mit
der er Jahrzehnte durch dick und dünn gegangen war, dass er allein bleiben würde. Doch er fand in Gerda nicht einfach nur eine Freundin und Weggefährtin. Albrecht nannte sie in einem Wort: Familie – sein höchstes Gut.
Möge die Seele von Albrecht Avraham Baruch ben Avraham Weinberg gesegnet und eingebunden sein im Bündel des Ewigen. Amen.
Fotos: Jesco Denzel








